Wie verstehen Kinder die Zeit? - Fokus Schulkinder

Im letzten Blogpost wurde detailliert ausgeführt, wie Kinder ab ihrer Geburt und bis ins Kleinkindalter Zeit erleben und verstehen. Dieser Blogpost macht nochmals einen Schritt nach vorne und erklärt, wie Kinder zwischen 5 und 8 Jahren die Zeit verstehen.

 

5 bis 6 Jahre

Zeit ist ein sehr abstraktes Konzept. Sie ist weder sichtbar noch fühlbar oder direkt messbar. Kein Wunder also, dass insbesondere Kinder damit noch überfordert sind, diese wirklich zu verstehen. Im Alter von 5 bis 6 Jahren beginnen Kinder aber, diese Abstraktionen immer besser zu erkennen. Insbesondere die Konzepte von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft rücken dabei in den Fokus. Die Begriffe „gestern“, „heute“ oder „morgen“ finden sich zwar schon bei 3- bis 4-jährigen Kindern im Vokabular, allerdings wird die Bedeutung dieser Wörter noch nicht ganz verstanden, dies lernen sie ab ungefähr 5 Jahren. Kinder orientieren sich dabei meist an erinnerungswürdigen Situationen oder Erlebnissen. Dies können sowohl grosse, beeindruckende Einzelerlebnisse sein (zum Beispiel das Geburtstagsfest) als auch sich wiederholende Tätigkeitsmuster im Alltag. Durch das aktive Beobachten und Festhalten von Veränderungen im Zeitverlauf lernen Kinder in diesem Alter den Umgang mit der Zeit am besten. Als hilfreiches Mittel hat sich dabei die Beobachtung des Wetters ergeben: Ein 5-jähriges Kind erinnert sich gut daran, welches Wetter gestern gewesen ist, kann dieses mit dem heutigen vergleichen und gibt auch gerne Prognosen für den nächsten Tag ab (ob diese dann zutreffen, ist eine andere Frage…). Um den Lernprozess zu unterstützen, kann also zum Beispiel jeden Tag das aktuelle Wetter in einen Kalender gemalt werden (diesen beginnen Kinder nämlich in diesem Alter auch zu verstehen) – so werden nicht nur einige Tage, sondern sogar Wochen oder ein ganzer Monat für das Kind verständlich. Der Tagesablauf ist mit ungefähr 5-6 Jahren aber natürlich immer noch das beste Hilfsmittel, um zu verstehen, wie die Zeit vergeht. Dies ist daran erkennbar, dass ab diesem Alter Kinder zu verstehen beginnen, dass es eine Uhrzeit gibt und dass gewisse Sachen immer zur gleichen Uhrzeit passieren (zum Beispiel der Schulbeginn). Deshalb ist es gut möglich, dass sie sich aktiv danach erkundigen, wie spät es denn nun ist. Nichtsdestotrotz ist das Zeitkonzept für ein 5 bis 6 Jahre altes Gehirn doch noch etwas verwirrend, insbesondere, wenn es um Zeitspannen geht, die das Kind so selbst noch nicht erlebt hat. Wenn das Enkelkind also den Grossvater fragt, ob er denn als Kind einen Dinosaurier gehabt hätte als Haustier, hat dies damit zu tun, dass das Kind zwar versteht, dass sowohl die Saurierzeit als auch die Kindheit des Grossvaters schon „lange“ zurückliegen. Wie lange wird vom Kind aber noch nicht verstanden, da es selbst keinen direkten Bezug zu solchen Zeitperioden hat. Der Fokus der Kinder liegt in diesem Alter also auf der kurzfristigen Vergangenheit und Zukunft. Damit sie auch grössere Konzepte lernen zu verstehen, kann es nützlich sein, als Elternteil oder Betreuungsperson häufig Zeitbegriffe zu benutzen und diese auch direkt mit Ereignissen in Verbindung zu setzen, zum Beispiel „Nächsten Montag gehen wir schwimmen, das ist in 5 Tagen. Vorher gehst du aber noch einmal in den Flötenunterricht und wir besuchen Oma.“

 

7 bis 8 Jahre

Da die Uhrzeit in Zahlen ausgedrückt wird, ist es logischerweise notwendig, dass Kinder die Zahlen kennen und verstehen, um zum Beispiel die Uhrzeit lesen zu können. Mit dem Eintritt in die Schule wird somit Zeit auch im Unterricht aufgegriffen und zwar hauptsächlich mithilfe der Uhr. Lehrerinnen und Lehrer üben deshalb mit den Kindern sowohl, auf 60 zu zählen, um die rechnerische Grundlage zu schaffen, und erklären ihnen auch, wie die Uhr funktioniert. Dabei lernen Kinder meist zuerst den Stundenzeigern kennen, da dieser einfacher zu verstehen ist, und anschliessend den Minutenzeiger. Um die Zeit auch im Schulalltag relevant zu verankern, werden ergänzend Aktivitäten zeitlich beschränkt („Wir werden nun eine halbe Stunde gemeinsam Musik machen“) oder für eine bestimmte Uhrzeit angesetzt („Um 9 Uhr starten wir mit der Mathematiklektion“). Im Alter von 7 Jahren sind die Unterschiede zwischen den Fähigkeiten von Kindern, die Uhrzeit zu lesen, am grössten – gewisse meistern dies bereits ohne Probleme, während andere noch etwas Mühe damit haben. Wenn unser Kind also in der ersten Klasse die Uhrzeit oft noch falsch interpretiert oder durcheinanderbringt, ist dies kein Grund zur Sorge. Aus Erfahrung weiss man zudem, dass ab Kinder ab 8 Jahren die Stunden der Uhr sehr gut lesen können, im Minutenbereich allerdings noch eine gewisse Ungenauigkeit besteht. Mit 10 Jahren stellt die Uhrzeit aber dann für alle Kinder keine Herausforderung mehr dar. Eine wichtige Erkenntnis aus der Forschung ist zudem, dass Förderung für Kinder durchaus hilfreich ist – weshalb es auch gut ist, dass mit dem Schuleintritt die Uhr zu Lernthema wird. Trotzdem erschliessen Kinder das Verständnis für Zeit in individuellem Tempo und so wirkt auch das Tragen einer Armbanduhr in den meisten Fällen nicht fördernd auf die Entwicklung. Wichtig ist, dass die Kinder die Möglichkeit haben, ein Gefühl für Zeit zu entwickeln und so mehr „Zeitkompetenz“ zu erlangen. Selbst wenn ein 7-8-jähriges Kind das Konzept der Uhrzeit verstanden hat, kann es Zeit nämlich immer noch nur ungenau einschätzen und verschätzt sich zum Beispiel stark darin, wie viel Zeit es für eine bestimmte Aufgabe benötigt (selbst wenn es diese bereits kennt). Deshalb ist es gut möglich, dass innerhalb einer zehnminütigen Autofahrt bis zu minütlich nachgefragt wird, wie lange die Fahrt denn noch dauert. Dies ist oft auch der Fall für Ereignisse, die noch lange in der Zukunft liegen: Da der durchschnittliche Zeithorizont von frisch eingeschulten Kindern bei ungefähr 6 Monaten liegt, sind für sie Ereignisse, die weiter in der Zukunft liegen, zeitlich nicht einschätzbar. Auch innerhalb dieser 6 Monate kann es aber noch zu zeitlichen Verwirrungen kommen. Visuelle Hilfsmittel unterstützen dabei das Kind am besten, Ereignisse zeitlich einzuordnen und so Zeitperioden immer besser einschätzen zu können. Kinder mit einem eher ungenauen Zeitgefühl und einem sehr kurzfristigen Horizont profitieren am meisten von gezielten Übungen und Schulungen. Nicht vergessen werden dabei sollten dabei zwei Dinge: Einerseits haben Kinder gerade beim Thema Zeit sehr unterschiedliche Entwicklungstempi, weshalb kein Grund zu Besorgnis besteht, wenn unser Kind sich mit 8 Jahren zum Beispiel noch erst auf Ereignisse im nächsten Monat bezieht. Andererseits möchten wir für unsere Kinder nicht bereits Druck und Stress im Zusammenhang mit der Uhr entwickeln (das kommt früh genug…), sondern es sollten der Spass und die Freude am Lernen und am Umgang mit der Zeit im Vordergrund stehen.  

 

Quellen:

Kübler, M. (2008). Entwicklung von Zeitbewusstsein bei Kindern der 1. – 4. Klasse [Präsentation]

Miller, S.A.; Booth Church, E. & Poole, C. (2020). Ages & Stages. How Children Develop a Sense of Time. Scholastic.

Swinson, T. (2020). How to Teach Your Child to Tell Time. Mathgenie.

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